Fachkräftemangel im Gartenbau

Wenn über Personal im Gartenbau gesprochen wird, denken viele zuerst an Saisonspitzen: Frühjahr, Pflanzzeit, Pflegearbeiten, Ernte, hohe Auftragslage. Natürlich spielt Saisonalität in vielen Bereichen des Gartenbaus eine wichtige Rolle, aber der Fachkräftemangel im Gartenbau ist mehr als ein kurzfristiges Saisonproblem. Eine aktuelle KOFA-Analyse aus dem Jahr 2026 zeigt: Auch außerhalb der klassischen Hochsaison fehlen qualifizierte Arbeitskräfte. Im Jahresdurchschnitt 2025 gab es im Gartenbau 12.146 offene Stellen für qualifizierte Arbeitskräfte. Die Fachkräftelücke lag bei 4.818 Stellen. Selbst im Februar 2026 waren rechnerisch rund 3.300 offene Stellen nicht passend zu besetzen. Das macht den Gartenbau zu einem interessanten Beispiel für eine Entwicklung, die viele Bereiche der grünen Branche betrifft: Personalengpässe entstehen nicht nur, weil kurzfristig „helfende Hände“ fehlen. Immer häufiger fehlen qualifizierte Menschen, die Verantwortung übernehmen, fachlich mitdenken und Betriebe langfristig stabil halten.
Gartenbau ist nicht gleich Gartenbau
Wichtig ist dabei eine saubere Einordnung: Der Gartenbau ist kein einheitlicher Block. Zum Gartenbau gehören unterschiedliche Bereiche vom Produktionsgartenbau über Gemüsebau, Zierpflanzenbau und Baumschulen bis hin zum Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau. Die Fachkräftesituation unterscheidet sich je nach Bereich, Qualifikationsniveau und Region. Besonders stark prägt laut KOFA der Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau die Engpasslage. 75,9 Prozent der Fachkräftelücke im Gartenbau entfallen auf den GaLaBau. Das bedeutet: Wer über Fachkräftemangel im Gartenbau spricht, sollte differenzieren. Die Zahlen zeigen ein ernstes Problem, aber sie gelten nicht in jedem Gartenbaubereich in gleicher Form.
Warum der Gartenbau trotzdem ein wichtiges Signal ist
Gerade weil der Gartenbau so vielfältig ist, eignet er sich gut als Blick in die Personalrealität der grünen Branche. Viele Herausforderungen ähneln denen in Landwirtschaft, Agribusiness, Handwerk und ländlichen KMU:
- Es fehlen nicht nur Mitarbeitende, sondern qualifizierte Fachkräfte.
- Kleine und mittlere Betriebe stehen im Wettbewerb mit anderen Branchen.
- Regionale Unterschiede beeinflussen die Besetzungschancen.
- Ausbildung, Bindung und Arbeitgeberattraktivität werden immer wichtiger.
- Körperliche Arbeit trifft auf steigende fachliche und organisatorische Anforderungen.
Der Gartenbau zeigt also kein völlig neues Problem, aber er zeigt, wie sich Fachkräftemangel verändert: weg vom reinen „Wir brauchen mehr Leute“ hin zu der Frage, wie Betriebe qualifizierte Menschen gewinnen, entwickeln und halten.
Warum Saisonarbeit allein die Diskussion nicht erklärt
Saisonale Arbeitsspitzen bleiben im Gartenbau relevant. Trotzdem greift es zu kurz, Personalprobleme nur über die Saison zu erklären. Wenn auch in schwächeren Monaten qualifizierte Stellen unbesetzt bleiben, spricht das für strukturelle Engpässe. Dann reicht es nicht, kurzfristig zusätzliche Arbeitskräfte zu suchen. Betriebe müssen grundsätzlicher denken, nicht nur im Gartenbau:
- Wie sichtbar sind wir als Arbeitgeber?
- Wie attraktiv sind unsere Arbeitsbedingungen?
- Wie gut gelingt Ausbildung?
- Welche Entwicklungsmöglichkeiten bieten wir?
- Wie halten wir erfahrene Fachkräfte?
- Welche Zielgruppen sprechen wir bisher noch nicht an?
Ausbildung bleibt ein zentraler Hebel
Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die Ausbildung. Wer langfristig Fachkräfte braucht, muss junge Menschen früh erreichen und ihnen ein realistisches Bild der Berufe vermitteln. Gerade im Gartenbau gibt es viele Tätigkeiten, die nach außen oft unterschätzt werden. Es geht nicht nur um körperliche Arbeit, sondern auch um Pflanzenwissen, Technik, Planung, Kundenkontakt, Organisation und Verantwortung. Ausbildungsmarketing sollte deshalb nicht nur sagen: „Wir bilden aus.“ Es muss zeigen, was der Beruf konkret bedeutet, welche Entwicklung möglich ist und warum die Arbeit relevant ist.
Fachkräftesicherung braucht mehr Zielgruppen
Die KOFA-Analyse nennt neben Ausbildung auch ältere Beschäftigte und internationale Fachkräfte als wichtige Zielgruppen für die Fachkräftesicherung. Das ist für Arbeitgeber in der grünen Branche ein wichtiger Hinweis. Wer Personal gewinnen will, sollte den Blick nicht zu eng halten. Ältere Beschäftigte bringen Erfahrung, Verlässlichkeit und Fachwissen mit. Internationale Fachkräfte können helfen, Engpässe zu reduzieren, wenn Integration, Anerkennung und Einarbeitung gut begleitet werden.
Entscheidend ist aber: Keine dieser Zielgruppen ist eine schnelle Notlösung. Erfolgreiche Fachkräftesicherung braucht klare Prozesse, passende Ansprache und glaubwürdige Rahmenbedingungen.
Was Arbeitgeber aus dem Gartenbau lernen können
Der Fachkräftemangel im Gartenbau zeigt: Personalplanung darf nicht erst beginnen, wenn eine Stelle akut frei ist. Für Arbeitgeber bedeutet das:
Früher sichtbar werden.
Viele Betriebe sind fachlich stark, aber als Arbeitgeber kaum wahrnehmbar. Wer Fachkräfte gewinnen will, muss zeigen, wofür der Betrieb steht.
Arbeitsbedingungen ehrlich kommunizieren.
Körperliche Arbeit, Wetter, Saisonspitzen oder Baustellenrealität sollten nicht verschwiegen werden. Glaubwürdigkeit entsteht durch realistische Einblicke.
Qualifikation gezielt aufbauen.
Nicht jede gesuchte Kompetenz ist am Markt verfügbar. Weiterbildung, Einarbeitung und interne Entwicklung werden deshalb wichtiger.
Mitarbeitende halten.
Fachkräftesicherung heißt nicht nur Recruiting. Wer gute Leute verliert, verschärft den Engpass im eigenen Betrieb.
Zielgruppen breiter denken.
Nachwuchs, Quereinsteiger, erfahrene Fachkräfte, ältere Beschäftigte und internationale Talente können je nach Position unterschiedliche Potenziale bieten.
Fazit: Der Gartenbau ist kein Sonderfall, aber ein gutes Warnsignal
Der Fachkräftemangel im Gartenbau ist nicht völlig anders als in Landwirtschaft, Handwerk oder anderen Branchen. Viele Ursachen ähneln sich: demografischer Wandel, regionale Unterschiede, steigende Anforderungen, Wettbewerb um qualifizierte Menschen und begrenzte Ausbildungspotenziale. Trotzdem lohnt sich der Blick auf den Gartenbau. Er zeigt besonders anschaulich, dass Personalengpässe nicht nur saisonal gedacht werden dürfen. Es geht um strukturelle Fragen: Qualifikation, Sichtbarkeit, Bindung, Ausbildung und strategische Personalplanung. Für die grüne Branche ist das ein klares Signal: Wer Fachkräfte braucht, sollte nicht nur kurzfristig suchen, sondern langfristig als Arbeitgeber erkennbar, glaubwürdig und entwicklungsfähig sein.
Quelle:
Die im Beitrag genannten Zahlen und Einordnungen basieren auf:
KOFA Kompakt 06/2026: „Fachkräftemangel im Gartenbau – mehr als ein Saisonproblem“, Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung, zuletzt aktualisiert am 14. Juli 2026. Der Beitrag nennt unter anderem 12.146 offene Stellen für qualifizierte Arbeitskräfte im Jahresdurchschnitt 2025, eine Fachkräftelücke von 4.818 Stellen sowie rund 3.300 rechnerisch nicht passend zu besetzende offene Stellen im Februar 2026. Außerdem weist KOFA darauf hin, dass 75,9 Prozent der Fachkräftelücke im Gartenbau auf den Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau entfallen.
Quelle: KOFA / Institut der deutschen Wirtschaft Köln.