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Arbeitsunfall im Wohnzimmer

Stahlwerk, Bergbau, Bauwirtschaft bieten gefährliche Arbeitsplätze? Sicher, aber richtig gefährlich wir es erst im Büro. Nach aktuellen Zahlen hat es nicht nur einen enormen Zuwachs an Arbeitsunfällen gegeben, sondern gerade im Bereich der Verwaltung war die Zunahme am höchsten. Was sollten Führungskräfte tun, um selbst sicher zu arbeiten und um sichere Arbeitsbedingungen im Betrieb zu schaffen?
Veröffentlicht am 14.09.2020

Stahlwerk, Bergbau, Bauwirtschaft bieten gefährliche Arbeitsplätze? Sicher, aber richtig gefährlich wir es erst im Büro. Nach aktuellen Zahlen hat es nicht nur einen enormen Zuwachs an Arbeitsunfällen gegeben, sondern gerade im Bereich der Verwaltung war die Zunahme am höchsten. Was sollten Führungskräfte tun, um selbst sicher zu arbeiten und um sichere Arbeitsbedingungen im Betrieb zu schaffen?

25 Unfälle auf 1000 Vollzeitstellen, das ist zum Glück nicht viel. Aber aus Sicht der Verunglückten ist jeder Unfall einer zuviel. Und das gilt auch für Unternehmen, denn selbst Unfälle führen in der Regel zu Krankschreibungen. Schwere Unfälle können eine große Belastung für die Abteilung oder das ganze Unternehmen werden. Wichtige Kompetenzen und Know-how fehlen, wenn Beschäftigte ausfallen, schlimmstenfalls drohen Schadenersatzansprüche. Und aus menschlichen Gründen wünscht sich natürlich sowieso jeder Betrieb einen möglichst unfallfreien Verlauf. Möglich ist das nicht, Unfälle geschehen nun mal. Zwischen 2016 und 2018 ist die Zahl der Arbeitsunfälle um zehn Prozent auf 25 pro 1000 Vollzeitstellen gestiegen. Im Bereich der Verwaltung ist die Zahl der Arbeitsunfälle mit 16 je 1000 Beschäftigte zwar unterdurchschnittlich, hat aber mit einem Plus von 63 Prozent bei weitem am stärksten zugenommen. Die Zahlen stammen aus der Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion und beruhen auf Statistiken der Berufsgenossenschaften.

Wann wird ein häuslicher Unfall zum Arbeitsunfall?

Es wird interessant sein, inwiefern sich das in der Corona-Krise verstärkte Homeoffice in einigen Monaten oder Jahren in der Statistik niederschlagen wird. Seit Jahren geht immer wieder die hohe Zahl schwerer und tödlicher Unfälle im Haushalt durch die Medien. Sicher, sie ist verfälscht durch die alten Menschen, die in sehr viel höherer Zahl als Jüngere stürzen und denen das eben in viel höherem Maße zuhause passiert. Aber klar ist auch: Zuhause gibt es kein Sicherheitskonzept, keine geschulten Beauftragten, kein geprüftes Equipment. Statt dessen gibt es zuhause Kinder und Haustiere, meist mehr Unordnung als im Büro und viele potenzielle Gefahrenquellen, die dort einfach nicht vorkommen. Schnell wird auch der Gang über die Kellertreppe zum Arbeitsunfall, wie höchstrichterlich vom Bundessozialgericht (BSG) entschieden (Aktenzeichen B2U28/17 R, https://www.bsg.bund.de/SharedDocs/Verhandlungen/DE/2018/2018_11_27_B_02...) Bei dem Fall arbeitete eine Key Account-Managerin vertraglich vereinbart oft im Homeoffice. Sie hatte sich ihr Büro in einem Kellerraum eingerichtet, stürzte auf dem Weg dorthin, um ein berufliches Telefonat zu führen und verletzte sich an der Wirbelsäule. Trotzdem das Landessozialgericht zuvor einen Arbeitsunfall verneint hatte, entschied das BSG dann zugunsten der Vertriebsmanagerin. Wie unterschiedlich so ein Gang über die Treppe beurteilt werden kann, zeigen die folgenden Beispiele: Wer aus seinem Büro im ersten Stock oder auch im Keller ins Erdgeschoss geht, um dort die gestörte, aber dienstlich benötigte Internetverbindung zu reparieren und dabei stürzt, erleidet einen Arbeitsunfall. Wer hinunter geht, um die Post entgegen zu nehmen, nicht. Und was ist, wenn mit der Post private wie berufliche Sendungen kommen? Was, wenn nicht nur ein Reset am Router fällig ist, sondern auch das Kind nach Mama oder Papa gerufen hat?

Wenn der Chef zur Inspektion ins Zuhause kommt

Ob Homeoffice oder Büro, Führungskräfte und Unternehmen tun gut daran, eine sichere Arbeitsumgebung zu schaffen und sind dazu ja auch durch gesetzliche Vorgaben verpflichtet. Übrigens: Arbeitsschutzgesetz und Arbeitsstättenverordnung gelten an jedem Arbeitsplatz – also auch im Homeoffice. Unternehmen tun also nicht nur gut daran, sich um eine ordentliche Einrichtung der Arbeitsplätze zuhause zu kümmern, sondern sie haben auch das Recht dazu. Letztlich sogar die Pflicht, denn sie müssen sicherstellen, dass die Arbeitsplätze ihrer Beschäftigten geltendes Recht einhalten – sonst handeln sie vorschriftswidrig. Der Besuch des Vorgesetzten oder des betrieblichen Arbeitsschutzexperten zuhause mag auf den ersten Blick merkwürdig und indiskret erscheinen, dient aber letztlich ja der Gesunderhaltung der Belegschaft. Sogar die Einhaltung von Vertraulichkeitspflichten im Homeoffice darf grundsätzlich überprüft werden – aber natürlich nur nach Vorabsprache.

Die wichtigsten grundlegenden Tipps zur Vermeidung von Arbeitsunfällen sind gar nicht so schwierig: 

- Technisch und baulich muss der Arbeitsort auf dem vorgeschriebenen Stand sein. Stolper- und Engstellen oder Abnutzung der Räumlichkeiten und Einrichtungen können Unfälle begünstigen.
- Mangelhafte oder blockierte Verkehrs- und Fluchtwege werden vor Gericht in der Regel zuungunsten des Arbeitgebers und der verantwortlichen Führungskraft ausgelegt.
- Dass auch das technische Equipment nicht zwingend das neueste, aber unbedingt sicher und auf dem geltenden Stand der Vorschriften sein muss, ist ebenfalls selbstverständlich. Das gilt auch für Geräte, die nur selten benutzt werden.
- Vernachlässigen Sie nicht den menschlichen Faktor: Stress und Zeitdruck, überforderte und schlecht geschulte Beschäftigte, mangelnde Kommunikation und andere Organisationsmängel wirken sich auf Konzentration, Motivation und Ermüdung aus. Unkonzentrierte und überlastete Beschäftigte erleiden schneller Unfälle.
- Eigenverantwortlichkeit ist aber wichtig. Selbstverständlich wissen wir alle, dass ein Bürostuhl keine geeignete Steighilfe ist und natürlich ist der Mitarbeiter verantwortlich, der zu faul ist, den Tritthocker aus dem Abstellraum zu holen, um an die oberen Regalreihen zu gelangen. Aber es ist eben auch das Unternehmen, dass den Schaden einer mehrwöchigen Krankschreibung hat, wenn der Bürostuhl beim Besteigen davonrollt und der Mitarbeiter sich ein Bein bricht. Regelmäßige Schulung oder auch nur Erinnerung per Mail, im Intranet oder als schlichter Aushang an der Eingangstür kann viel bewirken.
- Beschäftigen Sie sich regelmäßig mit dem Thema Prävention. In einer 2006 bis 2009 an der Universität Gießen durchgeführten Studie wurde festgestellt, dass betriebliche Präventionsarbeit in Deutschland einen positiven Return in Höhe von 1,6 erbringt (Verhältnis Nutzen zu Kosten von Prävention). Berufsgenossenschaften oder auch spezialisierte Dienstleister sind gute Ansprechpartner.
- Lob und Prämien für unfallfreies Arbeiten oder sicherheitsrelevante Verbesserungsvorschläge können die Situation verbessern. 

Jenseits der grundlegenden Ausrichtung gibt es auch ganz konkrete Tipps, die oft leicht und schnell umsetzbar sind und die sich auch als Merkblatt zur Gestaltung des Arbeitsplatzes im Homeoffice an die Belegschaft verteilen lassen:

- Lagern: Schwere Gegenstände auf Hüfthöhe, leichte oben und selten gebrauchtes unten in Regalen lagern.
- Heben und Tragen: Auf einen geraden Rücken achten und die Last nahe am Körper halten. Auf keinen Fall mit gekrümmtem und seitlich gedrehten Rücken haben. Schwere Akten oder Geräte besser per Rollwagen schieben und ziehen.
- Verkehrswege und Durchgänge: Immer freihalten, das gilt nicht nur für das Abstellen von Material, sondern beispielsweise auch für die Handtasche oder den Rucksack der Beschäftigten. Sie gehören unter den Tisch oder auf eine Ablage, sonst werden sie leicht zu Stolperfallen. Sehen Sie davon ab, während des Gehens auf Smartphone oder Tablet zu schauen und halten Sie auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dazu an, dies zu unterlassen. 
- Reinigung: Böden abschnittweise wischen oder saugen, nicht zu Stosszeiten und die bearbeiteten Zonen absperren. Trockenwischen und verschüttete Flüssigkeit rasch aufwischen.
- Stolperfallen: Kabelkanäle am Boden sollten auf keinen Fall offen sein, falls unvermeidlich: markieren! Ebenso sollten Schwellen möglichst nicht vorhanden sein oder zumindest farblich markiert. Offene Schubladen sofort wieder schließen. Teppiche mit hochstehenden Ecken, Kanten oder Blasen befestigen oder ersetzen. 
- Provisorien: Vorübergehend aufgestellte Geräte und temporäre Verkabelungen farbig markieren und möglichst schnell wieder beseitigen oder sachgerecht aufstellen