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Hoher Schulungsbedarf bei Smart-Farming

Die Digitalisierung erfordert neue Fähigkeiten von Arbeitnehmern in der Agrarwirtschaft. Trends in der Gesellschaft prägen ebenfalls den Markt für Aus- und Fortbildungsangebote.
Veröffentlicht am 11.02.2021

Mit einer digitalen VR-Brille den Stall aus der Sicht einer Kuh erleben? Damit hat das Landwirtschaftliche Bildungszentrum Echem der Landwirtschaftskammer Niedersachsen Anfang Oktober 2020 den 2. Platz beim Digitalisierungspreis Agrar und Ernährung des Landes Niedersachsen gemacht. Das Beispiel zeigt: Die Agrarbranche befindet sich im steten Wandel und die Digitalisierung ist nur einer von vielen Gründen dafür. Fort- und Ausbildung auf hohem Niveau ist das Gebot der Stunde.

Die duale Berufsausbildung ist bei uns Standard. Der rasche technologische Wandel führt aber immer wieder dazu, dass Betriebe nicht alle Anforderungen dafür erfüllen können, dann bietet die überbetriebliche Ausbildung Unterstützung. Hier hat das Bundesbildungsministerium BMBF in den vergangenen fünf Jahren bundesweit 23 Projekte in der Agrarwirtschaft mit gut 9 Mio. € gefördert. Von einem seit 2016 laufenden Programm zur Förderung von Digitalisierung in überbetrieblichen Berufsbildungsstätten und Kompetenzzentren profitieren auch Ausbildungskurse in grünen Berufen, beispielsweise beim Thema „Sensorik zur Stallbewirtschaftung“ in der Ausbildung zum Landwirt.

Dr. Iris Pfeiffer, Geschäftsführerin beim Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb), sieht durch die Digitalisierung eine große Veränderungsdynamik auf dem Arbeitsmarkt. Bis zu ein Viertel der deutschen Beschäftigten könnte ersetzt werden, je 1,5 Millionen Arbeitsplätze entfallen, es entstehen aber auch neue – darauf können Unternehmen mit Fort- und Weiterbildung reagieren. Markus Bretschneider, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), fügt zur Digitalisierung weitere Gründe hinzu, die spezifisch in der Agrarwirtschaft eine Rolle spielen: „Weitere Diversifizierungen verändern die Anforderungen an das Personal ebenso wie Bildungskooperationen zwischen Höfen und Schulen oder Kitas, Hofcafés und - führungen, Ferien auf dem Bauernhof oder Erlebnisgastronomie.“ Auch Trends wie Direktvermarktung sowie die Themen „Nachhaltigkeit, Ökologie und Biodiversität“ seien Gründe für den Bedarf an Fort- und Weiterbildung ebenso wie für die Modernisierung der Ausbildungsordnungen in den grünen Berufen. Diese wiederum seien teilweise auch wieder mit der Digitalisierung verknüpft, beispielsweise dann, wenn im Zuge von Tierwohl-Strategien jedes einzelne Tier mittels digitalem Transponder identifizierbar und möglicherweise sogar für den Verbraucher rückverfolgbar sein soll. Digitalisierung wirke sich beispielsweise durch immer mehr GPS-Steuerungen und andere Smart-Farming-Technologien aus oder durch datengetriebenes Hofmanagement und digitale Steuerungsprozesse. Die Ausbildungsordnungen von sieben der 14 grünen Berufe sind in den letzten 13 Jahren modernisiert worden, so Bretschneider, und speziell die des Landwirtes und der Fachkraft Agrarservice seien aufgrund der sehr unterschiedlichen Betriebszweige sowieso sehr offen formuliert, sodass neue Inhalte leicht integriert werden können.

Neben den staatlich geregelten Berufsausbildungen und der universitären Ausbildung wächst der freie Weiterbildungsmarkt. Laut Nationalem Bildungsbericht stieg die Teilnahme an non-formalen Bildungsaktivitäten 2018 auf den bisher höchsten erfassten Wert von 52 Prozent der 18- bis 69-Jährigen. Dieser Anstieg geht insbesondere auf die berufliche Weiterbildung zurück. Für die freien Träger von Fort- und Weiterbildungen hat die Corona-Krise enorme Herausforderungen gebracht, denn Präsenzveranstaltungen waren 2020 oft nicht möglich. Es sei ein Trend zu E-Learning, Blended Learning beziehungsweise zu Hybridveranstaltungen zu erkennen, so Werner Scharpenberg von der Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU). Allerdings „werden nach Abklingen der Pandemie sicherlich einige Angebote wieder in das herkömmliche Fahrwasser übergehen. Dennoch glaube ich, dass viele Weiterbildungsangebote, bestehend aus einer Mischform von Präsenz und Selbstlernen unter Nutzung der digitalen Möglichkeiten, erhalten bleiben“.

Für f-bb-Geschäftsführerin Pfeiffer hängt Corona mit zwei Aspekten zusammen: Derzeit boomende Trends wie Online-Collaboration oder Digital Leadership werden dauerhaft bleiben. Bei rein digitalen Veranstaltungsformaten, mit denen 2020 viel experimentiert wurde, sieht sie die Entwicklung differenziert. Der Wegfall von Reisezeiten etwa spräche für Treffen im digitalen Raum. Doch vermissen viele Personen den informellen, sozialen Austausch. „Deshalb glaube ich an eine teilweise Rückkehr der Präsenzveranstaltungen. Als Konsequenz daraus kann ich mir mehr Blended-Learning-Formate vorstellen, mit denen sich digitale und physische Veranstaltungen kombinieren lassen. Beispielsweise, indem Material verschickt, zu Hause bearbeitet und dann gemeinsam in einer Veranstaltung im realen Raum diskutiert wird.“