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Fortbildung in virtuellen Klassenzimmern

Welche Themen und Trends bestimmen den Fort- und Weiterbildungsbedarf in der Agrarwirtschaft zurzeit? Das erklären die Agravis Raiffeisen AG, Bayer Crop Science und Landwirt Henrik Imholze in der Umfrage der agrarzeitung (az).
Veröffentlicht am 26.01.2021

Trotz der unterschiedlichen betrieblichen Realitäten der drei befragten Unternehmen zeigt sich eine Gemeinsamkeit: Die Corona-Pandemie hat digitalen Lernformaten Vorschub geleistet. Doch für Henrik Imholze, Gesellschafter der Kutzleben GbR, die im gleichnamigen Ort im Nordwesten Thüringens Getreide, Hopfen, Spargel und Erdbeeren anbaut, gibt es viele wichtige Gründe, dass Führungskräfte und ihre Mitarbeiter sich stetig fortbilden. „Durch die immer höheren gesellschaftlichen und politischen Anforderungen an die Landwirtschaft ist es unumgänglich, sich und seine Mitarbeiter regelmäßig zu den verschiedensten Themen weiterzubilden, um langfristig allen Anforderungen gerecht zu werden“, so Imholze.

Know-how im Pflanzenschutzrecht

Als konkrete Themen nennt er beispielsweise Düngeverordnung und Pflanzenschutzrecht. Für Unternehmer seien neben Rechts- und Steuerthemen auch Schulungen zur Arbeitssicherheit, zu fachspezifischen (Pflanzenbau, Tierhaltung, Umweltschutz) und technischen Themen nötig. Zudem sieht er Bedarf für persönlichkeitsbildende Schulungen für Führungskräfte, auch das Thema Öffentlichkeitsarbeit sei relevant. Die Mitarbeiter benötigen zudem Weiterbildungen zum „sachgerechten Umgang mit Maschinen und Geräten in Bezug auf neue Regelungen zur Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln und Dünger“. Imholze glaubt zudem, dass der Trend zu „mehr und mehr zu Online-Seminaren gehen wird“. Das hat er auch selbst durch Corona erfahren, Live-Veranstaltungen haben kaum stattgefunden und wurden durch Online-Angebote ersetzt. „Ich selber hatte bislang noch keine großen Berührungspunkte damit und habe in diesem Herbst einige Veranstaltungen auf diese Art mitgemacht. Ich bin positiv überrascht.“

Beim Handelsunternehmen Agravis Raiffeisen AG in Münster hat Corona als „Booster“ für die Akzeptanz digitaler Lösungen in der Zusammenarbeit und in der Fort- und Weiterbildung gewirkt, erklärt Jürgen Wolf, Leiter der Personalentwicklung. Laut Wolf haben die Digitalisierung von Lernformaten sowie „Lernen on demand“ schon längere Zeit Einzug in die Fort- und Weiterbildung gehalten. Auch „virtuelle Klassenzimmer“ nehmen weiter zu, ebenso agile Arbeitsmethoden. „Die digitale Transformation stellt aber auch neue, weitere Anforderungen – sowohl an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch an Führungskräfte – was wiederum Schulungsbedarf mit sich bringt“, so Wolf. Führungskräfte müssten sich, Stichwort „Remote Leadership“, zunehmend auf technische und methodische Kompetenz im Umgang mit Online-Meetings und der Führung auf Distanz einstellen.

Durch Corona wurden im Unternehmen „viele Beschäftigte und sogar ganze Teams ins Homeoffice katapultiert und zu Beginn der Pandemie mit neuen, teils ungewohnten Tools für Kollaboration und Kommunikation konfrontiert. Diese Veränderung erforderte ein schnelles Umschalten von analoger auf virtuelle beziehungsweise digitale Zusammenarbeit“. Die virtuelle Zusammenarbeit sei „selbstverständlich geworden und digitale Lernformate werden in gestiegenem Maße akzeptiert“. Und doch: Die Corona-Pandemie hat bei der Agravis dazu geführt, dass derzeit vermehrt Fortbildungsseminare angeboten werden, die das Selbstmanagement im Homeoffice, virtuelle Meeting-Kompetenzen oder eben Führen auf Distanz aufgreifen.

Agravis sei in der Lage, zu fast allen Themenfeldern virtuelle Formate anzubieten, möchte dennoch wieder zu Präsenzveranstaltungen zurückkehren. Trotzdem ist sich Wolf sicher: „Die Blended-Learning-Formate werden bleiben. Künftig planen wir verstärkt Mixed-Formate, bestehend aus Präsenzveranstaltungen, E-Learning, Live-Online-Training sowie einer digitalen Lernplattform.“

Auch bei Bayer Crop Sciene Deutschland ist Digitalisierung der Megatrend in der Fort- und Weiterbildung, sagt Miriam Holter. Sie leitet die Personalabteilung des Unternehmens. Als eine große Aufgabe sieht sie, passende digitale Angebote und Werkzeuge zu erarbeiten und zur Verfügung zu stellen. „Viel wesentlicher aber sind die inhaltlichen Herausforderungen der im Wandel begriffenen Berufsbilder und die Bedeutung der Weiterbildung für die moderne Berufswelt.“ Bayer rücke „zeitgemäßes Lernen“ in den Mittelpunkt. „Früher wurde zu Weiterbildungsangeboten pauschal eingeladen. Heute stellen wir ein umfangreiches digitales, auf die persönlichen Anforderungen abgestimmtes Lernangebot zur Verfügung“, beschreibt Holter. Der Generationenwechsel im Unternehmen erleichtere und erfordere es sogar, neue Lernplattformen zu etablieren. Bayer stellt Werkzeuge auf „Learning-Experience- Plattformen“ zur Verfügung, das System spricht auch Empfehlungen aus. „Der Nutzer arbeitet damit aber selbstständig, legt Favoriten fest und steuert sein Lernen eigenverantwortlich – Netflix lässt grüßen. Diese digitalen Tools ermöglichen es unseren Mitarbeitern, die heute viel größere Selbstverantwortung für lebenslanges Lernen zu tragen“, so Holter.

Umfangreiche E-Learning-Bibliothek

Bereits seit 2018 hat Bayer eine E-Learning-Bibliothek für alle Mitarbeiter, die ohne Kurszeiten verfügbar ist. Sie umfasst derzeit mehr als 7.000 Kurse und bietet neben speziellen Inhalten für einzelne Berufsgruppen und Fachbereiche auch übergreifende Themen für eine breite Zielgruppe im Unternehmen an. Diese Lernplattformen müssen kontinuierlich inhaltlich, aber auch technisch weiterentwickelt werden. Bayer arbeitet mit digitalen Technologien wie Virtual und Augmented Reality und künstlicher Intelligenz. „Diese werden für einige Bereiche, wie die Produktion, bei der sich die Kolleginnen und Kollegen virtuell durch Werkhallen bewegen, weiter an Bedeutung gewinnen“, beschreibt Holter.