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Lebenslauf – überschätzt oder unverzichtbar?

Lebenslauf und Anschreiben sind das klassische Duo bei jeder Bewerbung, seit Jahrzehnten schon. Sollte sich das in Zeiten von Google, LinkedIn und Facebook nicht langsam mal ändern? Und bis dahin: Ist der Lebenslauf oder das Anschreiben wichtiger? Wird der klassische Lebenslauf als Tabelle von der Schule bis zur aktuellen Position überschätzt? Fragen, mit denen sich alle Bewerberinnen und Bewerber beschäftigen sollten – genauso wie die Personalabteilungen.
Veröffentlicht am 30.03.2021
Lebenslauf – überschätzt oder unverzichtbar?

Laut der Studie „RecruitingTrends 2017“ der Personalberatungen Staufenbiel Institut und Kienbaum ist die Antwort eindeutig: Für 99 Prozent der befragten Personaler ist der Lebenslauf entscheidend bei der Stellenbesetzung. Das Anschreiben landet mit 71 Prozent auf Platz 4 nach den Kriterien Übersichtlichkeit (87 Prozent) und Zeugnisse (72 Prozent). Dementsprechend wird der CV auch von rund 75 Prozent der Befragten zuerst angesehen, nur 22 Prozent schauen als erstes auf das Anschreiben. Eine Suche bei Facebook oder Google wird von lediglich drei bis sechs Prozent der Personalabteilungen standardmäßig ausgeführt, in Einzelfällen aber bei 29 beziehungsweise 49 Prozent. Man darf getrost vermuten, dass diese Instrumente erst zum Einsatz kommen, wenn die Masse der Bewerbungen bereits verworfen wurde. Ein schockierendes Detail der Untersuchung: Fast die Hälfte der Personaler nimmt sich maximal fünf Minuten Zeit für den ersten Check der eingegangenen Bewerbungen, insgesamt knapp 90 Prozent brauchen dafür nicht mehr als 15 Minuten.

Allerdings haben an der Befragung nur 297 Unternehmen teilgenommen, die Datenbasis ist nur bedingt aussagekräftig. Dennoch dürften die Angaben im Trend richtig sein, denn etliche andere Befragungen und Studien von Karriereportalen, Marktforschern und auch von der Universität Bamberg kommen zu ähnlichen Ergebnissen – die Prozent- und Zeitangaben mögen schwanken. Auch bei Robert Half, einem der ganz großen, weltweit aktiven Personalvermittler, zählt vor allem der Lebenslauf: „Wir verzichten auf das Anschreiben. Ob ein Anwärter für eine Stelle fachlich geeignet ist, zeigt ohnehin eher der Lebenslauf. Weiteres Potenzial und die ebenso wichtigen charakterlichen Eigenschaften stellen sich dann in einem Vorstellungsgespräch heraus“, erklärt Managing Director Sladjan Petkovic.

Es gibt gute Gründe, warum der Lebenslauf wichtig ist und mutmaßlich eher noch mehr Gewicht erhält: Vor allem ist das die zwar noch nicht sehr stark ausgeprägte Digitalisierung auch im Recruiting, die in den kommenden Jahre mutmaßlich deutlich zulegen dürfte. Aus immer mehr Ecken hört und liest man vom Einsatz automatisierter Systeme zumindest in der frühen Phase einer Stellenbesetzung. Gründe dafür können neben der klassischen Beschleunigung auch der Wunsch nach mehr Diversität sein – automatische Recruiting-Systeme können so programmiert werden, dass beispielsweise Frauen oder Menschen mit Migrationsgeschichte nicht mehr diskriminiert werden. Laut einer aktuellen Studie der Uni Bamberg, haben Lebenslaufdatenbanken aus Sicht der Personalabteilungen ebenso wie der Bewerberinnen und Bewerber einen wichtigen Stellenwert.

Und von Lebenslaufdatenbanken ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Matching-Systemen samt integriertem Persönlichkeitscheck à la Tinder, wie sie in der privaten Kontaktaufnahme ja bereits stark verbreitet sind. Denn der Lebenslauf hat aus Sicht des Unternehmens auch einen großen Nachteil – ebenso wie beispielsweise Börsenkurse ist er ein Blick in die Vergangenheit. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Mensch mit einer beeindruckenden Ausbildung und Karriere auch in Zukunft weiter gut performt. Sicher ist das aber ebenso wenig wie eine gute Kursentwicklung von Aktien, die in den vergangenen zwölf Monaten eine tolle Wertentwicklung hingelegt haben. Gerade bei kreativen Stellen und Führungsaufgaben ist es schließlich wichtig, dass die neue Kollegin oder der neue Kollege gut ins Team und zum Unternehmen passen. Und das hängt eben viel mehr von der Persönlichkeit ab als von der bisherigen Karriere, Zeugnissen oder der Ausbildung. Gerade durch die Digitalisierung aller Bereiche der Arbeitswelt ändern sich die technologischen Rahmenbedingungen und die Geschäftsprozesse von Unternehmen schneller denn je. Was ich im ersten Jahrgang an der Uni gelernt habe, ist beim Abschluss schon veraltet. Methoden, mit denen ich auf den ersten Positionen der Karriere tolle Erfolge erzielen konnte, sind ein paar Jahre später wirkungslos und überholt.

Deshalb ist die Frage nach der Persönlichkeit umso wichtiger, je höher die Stelle angesiedelt ist, für die Kandidaten gesucht werden. Persönlichkeitstests haben Einzug in den Bewerbungsprozess gehalten, bei Großunternehmen setzt sie bereits eine Mehrheit ein. Vom LebensLAUF richtet sich das Interesse schnell auf den LebensENTWURF, also die Frage: Was will die Kandidatin? Wo sieht sich der Kandidat in zehn Jahren? Zugegeben, keine neue Frage. Aber über Persönlichkeitstests und/oder Matchingverfahren und zugleich eine offene und vertrauensvolle Beziehung des Unternehmens zum Nachwuchs besteht heute eher als früher die Chance, darauf ehrliche statt strategisch kalkulierte Antworten zu erhalten. Und das führt im besten Falle dann tatsächlich zum perfekten Match zwischen Stelle und Bewerber.