Agrarbranche denkt in Systemen

In 25 Jahren können Landwirte die komplette Bestandspflege auslagern an Dienstleister oder Roboter. Sie müssen vor allem Daten analysieren können, die beispielsweise Sensoren im Boden liefern. Smart-Farming-Lösungen werden die Studiengänge an den Agrarfakultäten prägen, erwarten Experten und Unternehmenslenker.
Veröffentlicht am 17.08.2021
Agrarbranche denkt in Systemen

Nichts ist so beständig wie der Wandel“ soll der griechische Philosoph Heraklit gesagt haben. Das gilt auch für Landwirtschaft und Agrarbusiness, die oft als äußerst bodenständig beschrieben werden. „Das gesamte Berufsbild wird sich ändern, der Landwirt muss Geräte nicht mehr selbst fahren, nicht mal besitzen. Er besitzt den Boden, IT-Systeme für dessen Analyse und die Daten. Damit bestimmt er, was wann gemacht werden muss“, sagt Andreas Schweikert, Bereichsleiter Digitalisierung in der Landwirtschaft beim IT-Verband Bitkom. „Die Durchführung können auch Dienstleister übernehmen, etwa mit Schwärmen kleiner, autonomer, elektrischer Feldroboter für das Häckseln und Jäten.“ Dieses leicht futuristisch anmutende Szenario kann sich Schweikert in 25 Jahren als Realität vorstellen. So könnte sich der Strukturwandel in der Landwirtschaft fortsetzen – aber anders als in den letzten 25 Jahren. „Digitalisierung nutzt nicht nur großen, sondern auch kleinen Höfen“, glaubt Schweikert. „Software ist skalierbar, Maschinen sind es nicht. Kleine Höfe müssen weniger investieren.“ Schweikert sieht viele Chancen in der Digitalisierung. So müsste es beispielsweise die Debatte über die Nitratbelastung des Grundwassers überhaupt nicht geben, „hätten wir ein gutes Sensor-Netzwerk auf den deutschen Agrarflächen“.

Lebenslanges Lernen der IT

Landwirte müssen auch künftig nicht unbedingt selbst programmieren können, brauchen aber Kompetenzen, um IT-Systeme und Daten sinnvoll zu nutzen. Auch Datensicherheit wird sehr wichtig werden, wenn Daten die Grundlage des Geschäftsmodells sind. Diese Punkte hält Schweikert für „Kernkompetenzen der Zukunft, die in der Agrarausbildung noch zu wenig berücksichtigt sind“. Man dürfe sich nicht darauf verlassen, dass künftige Landwirte als „Digital Natives“ diese Fähigkeiten mitbringen, sondern müsse sie aktiv vermitteln. Schweikert hält dies für eine wichtige Aufgabe für die Hochschulen und wünscht sich mehr Vernetzung mit der Praxis. „Den Hochschulen kommt eine Schlüsselrolle in der Weiterentwicklung zu, weil sie digitale Techniken und Daten validieren können. Aber Systementwicklung darf nicht losgelöst von den Unternehmen stattfinden. Und weil gerade die IT sich schnell entwickelt und Kenntnisse binnen zehn Jahren veraltet sind, wird lebenslanges Lernen und permanente Weiterbildung immer wichtiger.“ Reinhard Oerther und Hans-Jörg Friedrich sind der Vorstand der Pfalzmarkt-Genossenschaft, die 140 Erzeugerbetriebe bündelt. Der professionelle Obst- und Gemüseanbau stehe vor den großen Herausforderungen Klimawandel, wachsende Weltbevölkerung und sich weltweit verschärfender Wettbewerb um begrenzte natürliche Ressourcen. Deshalb seien schon heute nachhaltige und intelligente Konzepte gefragt. „Für den Anbau bedeutet dies, dass wir weiter auf einen verstärkten Einsatz neuer Technologien und Sorten setzen. Zukünftig wird der geschützte Anbau – im Folientunnel oder Gewächshaus – auch in der Pfalz an Bedeutung gewinnen. Eine effizientere und nachhaltige Nutzung der Ressource Boden, der Einsatz von Ernterobotern und Künstlicher Intelligenz (KI) wird von zahlreichen weiteren Querschnittstechnologien begleitet.“

In Systemen denken

Professor Peter Pickel, am John Deere European Technology Innovation Center in Kaiserslautern für Zukunftstechnologien zuständig, verbindet Digitalisierung mit Nachhaltigkeit: „Der Trend geht zur nachhaltigeren und ökologischen Produktionsweise. Smart-Farming-Lösungen werden daher zukünftig das Studium und die Ausbildung in der Agrarwirtschaft prägen. IT-Themen, digitale Transformation, aber auch neuartige Produktionsmethoden werden die Lehrinhalte bestimmen.“ Deshalb würden in der Zukunft wohl etwas weniger Maschinenbauer in der Landmaschinentechnik gebraucht werden, dafür werde es aber mehr IT-, Elektro- und Automatisierungstechnik geben. „Vor allen Dingen muss die nächste Generation in Systemtechnik, in Systemen denken“, so Professor Pickel.

Gesamtes Kettenmanagement im Blick

Auch Heribert Qualbrink, Einkaufsleiter Landwirtschaft der europäischen Genossenschaft Westfleisch, sieht in der Digitalisierung Potenzial für mehr Nachhaltigkeit: „Für eine ressourcenschonende Landbewirtschaftung wird es noch wichtiger werden, das gesamte Kettenmanagement im Blick zu haben, die natürlichen Prozesse zu optimieren und – unterstützt von Künstlicher Intelligenz – stabile Produktionsmodelle zu entwickeln. Dazu sind technische, mathematische und IT-Kenntnisse unerlässlich, um Künstliche Intelligenz möglichst gewinnbringend nutzen zu können.“ Aber die Zukunft wird auch neue Arbeitsformen bringen, darauf weist Dr. Dirk Köckler, Vorstandsvorsitzender der Agravis Raiffeisen AG, hin. Die Digitalisierung der Arbeitswelt verlange hohe Veränderungsbereitschaft, um erfolgreich in digitalen Strukturen unternehmerisch zu denken und zu handeln. So würden viele analoge Logistikfunktionen in digitale Prozesse überführt. Auch der Vertrieb werde sich weiter in Richtung digitale Kanäle verlagern, neue digitale Geschäftsmodelle kommen hinzu. Vor diesem Hintergrund seien Unternehmen nicht nur im Agrarhandel aufgefordert, ihre Beschäftigten mitzunehmen auf dem Weg in die neuen Arbeitswelten.

New-Work-Coaches gefragt

„Daher werden New-Work-Coaches und Change-Begleiter künftig noch stärker gefragt sein als heute. Zugleich wird sich Führung den digitalen Strukturen anpassen müssen. Viele Anforderungen an künftige Ausbildungsinhalte ergeben sich aus den sich rasant ändernden Arbeitswelten: Remote Work und Remote Leadership, Vertrieb im virtuellen Raum, die Vermittlung von agilen Arbeitsmethoden, Ausbau von Change-Kompetenzen“, denkt Köckler. Auch bei der DMK Group (Deutsches Milchkontor) ist das Thema „New Work“ bereits präsent. Kollaboration, flexible Arbeitszeitmodelle oder die Förderung von Selbstbestimmung im Arbeitsleben werden als wesentliche Faktoren für die Arbeit der Zukunft und als wichtiges Mittel im Wettbewerb um Talente angesehen. Deshalb hat DMK im Rahmen eines Transformationsprozesses Maßnahmen identifiziert, um die Basis für ein agiles, zeitgemäßes und auf den Markt ausgerichtetes Arbeiten zu schaffen. „Corona war hier ein Katalysator und hat den Veränderungsprozess enorm beschleunigt. Gerade im Hinblick auf das Thema ‚Digitalisierung‘ mussten wir uns unternehmensweit sehr kurzfristig auf neue Arbeitsweisen einstellen. Wir haben gemerkt, dass auch diejenigen, die zunächst skeptisch auf digitale Meetings, Jahresauftaktveranstaltungen, Workshops und den Kontakt zu Kollegen per Webcam geblickt haben, durch die erfolgreiche Praxis schnell überzeugt waren“, sagt Oliver Bartelt, Global Head of Corporate Communications bei DMK.

Quelle: agrarzeitung von Martin Brust

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