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Die verpönte Fluchtburg

Ein Bewerber sollte sagen, was ihn an der neuen Firma reizt – aber keinesfalls, was ihn an der bisherigen stört.
Veröffentlicht am 08.01.2018

Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden als Freude zu gewinnen - Sigmund Freud

 

Der Personaler kniff die Augen zusammen, als würde er in die tief stehende Sonne blinzeln. »Nun haben Sie sich bei uns um eine Führungsposition beworben. Und warum wurden Sie bei Ihrem alten Arbeitgeber nicht befördert?« Aus der Bewerberin, einer Ingenieurin (35), sprudelte es heraus: »Weil bei uns eher Männer als Frauen befördert werden.« Der Personaler nickte vielsagend und schob eine Frage nach: »Mal angenommen, Sie wären die oberste Chefin Ihrer jetzigen Firma – was würden Sie, abgesehen vom Frauenanteil, noch verändern?« Die Bewerberin schlug vor, den Austausch zwischen der Geschäftsleitung und den Ingenieuren zu verbessern, die Produktionszeiten für Innovationen realistischer zu kalkulieren und den Projektgruppen mehr Gestaltungsfreiheit zu lassen. Später, in der Karriereberatung, sagte sie: »Damit habe ich bewiesen, dass ich unternehmerisch denke.«

 

Hat sie das? Nein, beim Personaler kam an: Offenbar ist die Bewerberin unzufrieden mit ihrem Arbeitgeber! Steht sie auf Kriegsfuß mit der Geschäftsleitung? Versagt sie bei der Terminarbeit? Eckt sie in Projektgruppen an? Und wird sie deshalb nicht befördert? Wer in den Verdacht gerät, als Bewerber auf der Flucht zu sein, wer – frei nach Freud – nicht Freude beim neuen Arbeitgeber gewinnen, sondern nur Schmerz beim alten vermeiden will, der rennt gegen verschlossene Türen. Warum? Weil die Personaler unterstellen: Wer sich in seiner jetzigen Position wie auf einem Folterstuhl fühlt, ist bei der Wahl einer Alternative nicht wählerisch. Der lügt auch mal, um seiner misslichen Lage zu entfliehen. Der sucht auch mal eine Zwischenstation, wo er sich von der Strapaze erholen und nach einem besseren Job umsehen kann. Er gilt als Risiko. Zumal niemand weiß, ob seine Unzufriedenheit wirklich mit der alten Firma zu tun hat – oder mit ihm selbst. Ist er ein notorischer Nörgler, ein Bewohner des Niemals-Zufrieden-Landes? Natürlich ist dieses Personalerdenken kleinkariert – bei jedem Wechsel sind Fluchtmotive im Spiel –, aber Tatsache ist, dass die erfolgreichsten Bewerber sich nach dem Motto verkaufen: »In meiner jetzigen Firma fühle ich mich wohl und könnte noch viel erreichen, aber bei Ihnen sehe ich noch bessere Aussichten!« Ein Aufstieg vom Himmel in den siebten Himmel. Wer bei seinem alten Arbeitgeber kurz vor einer Beförderung steht, ist interessanter als ein hörbar Frustrierter. Neue Arbeitergeber wollen begehrt sein – und keine Fluchtburgen!

 

Martin Wehrle ist Erfolgsautor und „Deutschlands bekanntester Karriereberater“ (Focus). Gerade ist sein neuer Spiegel-Bestseller erschienen: „Der Klügere denkt nach – Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein“. An seiner Akademie bietet er eine Coaching-Ausbildung an und berät Menschen in Karrierefragen: www.karriereberater-akademie.de