Smarte Technologien gehören auf den Lehrplan

Die Unkenntnis über wirtschaftliche Vorteile ist neben der Betriebsgröße, dem Bildungsabschluss und Datenschutz, einer von vielen Gründen, warum sich Betriebsleiter:innen zieren, Precision Farming zu nutzen. Dies zeigt eine Studie der Georg-August-Universität Göttingen mit rund 270 befragten Landwirt:innen. Oft werde Precision Farming nach Bauchgefühl eingesetzt, heißt es in der begleitenden Masterarbeit von Nico Wienrich. Die Standortunterschiede auf der Ackerfläche zu erkennen und mit zielführenden Maßnahmen darauf zu reagieren, ist die Herausforderung des Ackerbaus der Zukunft. Die teilflächenspezifische Betrachtung des Standorts bietet Potenziale zur exakten Ausbringung und Reduktion von Pflanzenschutz- und Düngemitteln.
Veröffentlicht am 05.08.2021
So schätzen Landwirte Precision Farming ein

Flächendeckender Einsatz notwendig

Untersuchungen zur ökologischen Auswertung von Precision Farming zeigen, dass sich mit der teilflächenspezifischen Bewirtschaftung die Nitrat-Sickerwasserverluste um 8 bis 12 kg Stickstoff /ha und Jahr bei gleichbleibender Gesamtdüngermenge reduzieren lassen. Die Stickstoff(N-)effizienz wird durch die teilflächenspezifische Düngung auf ertragsschwachen Standorten verbessert. Zudem kann die Proteinkonzentration durch diesen Ansatz auf dem gesamten Schlag gleichmäßig verteilt werden. Dies ist gerade bei rückläufigen Proteingehal-ten im Weizenanbau durch die immer strengeren Vorgaben der Düngeverordnung ein wichtiger Punkt. Precision Farming ermöglicht eine exakte Betriebsführung durch die Automatisierung verschiedener Prozesse. In den kommenden Jahren gehört die Vernetzung mit Farmmanagementsystemen zum Standard. Doch was nützen alle Vorteile, wenn sich die Technik nicht flächendeckend etabliert? So setzen 70 Prozent der Befragten in der Göttinger Studie Precision-Farming-Technologien auf dem eigenen Betrieb ein. Dabei fällt auf: Je höher der Bildungsabschluss, umso mehr kommt die teilflächenspezifische Ausbringung zum Einsatz. Oft sind in den Lehrplänen der landwirtschaftlichen Ausbildung die neuen Technologien kaum oder gar nicht vorgesehen. Hier bedarf es einer dringenden Korrektur, um Berührungsängste abzubauen und die Vorteile zu erkennen, angefangen bei den Lehrkräften mit einer Weiterbildung im Fach Digitalisierung. Auch Landwirtschaftsverbände und -beratungen sollten ihre Angebote in modernen Technologien ausweiten. Die hohen Anschaffungskosten von bis zu 30.000 € für eine vollautomatische Steuerung des Düngerstreuers mit einem Sensorsystem werden in der Umfrage von den Precision-Farming-Nichtnutzern als größtes Hemmnis für die Anwendung wahrgenommen. Dabei geht hervor, dass vor allem Betriebe über 100 ha Precision Farming einsetzen. Durch die höhere Auslastung amortisieren sich die Kosten schneller, Arbeitskräfte werden speziell auf die Anwendung geschult.

So schätzen Landwirt:innen Precision Farming ein

Viel Potenzial

Bei einer durchschnittlichen Betriebsgröße von 62,5 ha in Deutschland schlummert für eine breite Nutzung noch viel Potenzial, schlussfolgert Autor Wienrich. Der Wissenschaftler schlägt deshalb einen überbetrieblichen Einsatz der Technologie vor. Die genaue Planung der Arbeitsabläufe sowie die Schulung der Anwender sind dabei Voraussetzung für einen erfolgreichen Einsatz. Doch gibt es Vorbehalte von Betriebsleitern. Sie verweisen auf die engen Zeitfenster zur optimalen Applikation von Pflanzenschutz- oder Düngemitteln und fürchten, nicht rechtzeitig die Geräte zur Verfügung zu haben. Die Hersteller sind deshalb aufgefordert, die Nutzungsgemeinschaften mit innovativen Ideen kompetent zu begleiten. Auch ein günstigeres Einstiegssegment erleichtert die Entscheidung. Ein weiteres Hindernis zur Anwendung sind die Verwaltung sowie die richtige Interpretation der gewonnenen Daten. Hier sind weitere Anstrengungen seitens der Industrie notwendig, um eine einwandfreie Funktionalität in der Maschinenverknüpfung sicherzustellen.

Austausch in sozialen Netzwerken

Für die regionale Verbreitung moderner Technologien spielen fortschrittliche Landwirt:innen als Meinungsführer in soziale Netzwerken eine große Rolle. Die Umfrage zeigt, dass 88,5 Prozent der Landwirte, die zum ersten Mal Precision Farming nutzen, mindestens einen an-deren Anwender kennen, während dieser Anteil bei den Betrieben ohne Nutzung von Precision Farming nur bei 36,9 Prozent liegt. Trotzdem sehen sie die Technologie, ähnlich, wie die Precision-Farming-Nutzer, als ein Kernelement der deutschen Landwirtschaft, heißt es in der Masterarbeit der Universität Göttingen. Dieses Ergebnis zeigt, wie wichtig es ist, die Vorurteile gegenüber Precision Farming abzubauen. Precision Farming hat das Potenzial, die gesellschaftlichen Forderungen nach mehr Arten-, Klima- und Umweltschutz mit dem Ziel eines effizienteren Betriebsmitteleinsatzes bei gesteigerten Qualitäten und Erträgen zu vereinen.

Quelle: agrarzeitung