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Der Verbraucher isst verantwortungsvoll

Lebensmittel, die nicht im engsten Sinne nachhaltig erzeugt wurden, haben bei den bewussten Konsumenten der kommenden Jahrzehnte kaum noch eine Chance. Davon gehen Marktanalysten, Branchenteilnehmer und Trendforscher gleichermaßen aus.
Veröffentlicht am 09.09.2021
Der Verbraucher isst verantwortungsvoll

Im Jahr 2046 sind die Zeiten des sorglosen Lebensmittelkonsums endgültig Geschichte. Davon ist Sabine Bingenheimer-Zimmermann, geschäftsführende Gesellschafterin von Regionique – Die Produktfabrik GmbH überzeugt. Die Konsumentinnen und Konsumenten werden also ganz genau auf die Transportkilometer, den CO2-Fußabdruck und generell darauf achten, dass Lebensmittel auf umweltschonende Weise produziert wurden. Die Gründerin des Start-ups, das sich auf wahrhaft regionale Produkte spezialisiert hat, sah diese Entwicklung kommen: Die Dinkel- und Haferflocken, das Birchermüsli, die Bandnudeln oder die Spätzle im Sortiment ihres Unternehmens stammen zu 100 Prozent aus Deutschland – von der Ernte bis hin zur Abpackung.

Schwarze Schafe werden abgestraft

„Aus meiner Sicht wird der Trend zur ‚echten‘ Nachhaltigkeit in weniger als einem Jahrzehnt zum Standard. Konsumenten werden Händler und Hersteller abstrafen, wenn sie ihrer Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen nicht gerecht werden und Produkte von den ‚Schwarzen Schafen‘ einfach nicht mehr kaufen“, erwartet Bingenheimer-Zimmermann. „Wenn ein Unternehmen den Puls der Zeit nicht erkennt und seine Produkte sowie die Prozesse nicht entsprechend anpasst, wird es verschwinden“, lautet ihre Prognose. Nicht nur Bingenheimer-Zimmermann, auch die Expertin für Ernährungstrends, Hanni Rützler, sagt in ihrem „Food Report 2021“ den Siegeszug der reinen Lehre der Regionalität voraus. Wahrhaft disruptiv könnte sich nach ihrer Einschätzung der Trend zu „Local Food“ oder Regionalität in Zukunft auf die Ernährungswirtschaft auswirken. Rützler sieht in der bewussten Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten den Versuch, „klassische Handelsstrukturen grundlegend zu hinterfragen und neu zu denken“. Und nicht nur regionale Produkte werden in Zukunft vermehrt auf unseren Tellern landen: Im „Food Report 2022“ beschreibt Trendexpertin Rützler den Siegeszug von Bio-Lebensmitteln und vegetarischen Erzeugnissen. Auch die Marktanalysten von Mintel gehen davon aus, dass die Verbraucher von morgen zunehmend bewusst konsumieren und stolz darauf sein wollen, nachhaltig wirtschaftende Unternehmen zu unterstützen. Dazu zählen Lebensmittelproduzenten, die auf Tierwohl, Vermeidung von Plastikmüll durch pflanzenbasierte Verpackungen oder gleich auf vegane und vegetarische Ernährungsstile setzen.

Individuell zugeschnitten

Unterdessen wird die digitale Transformation nicht nur die Erzeugung von Lebensmitteln grundlegend verändern. Auch bei den gesundheits- und umweltbewussten Verbrauchern helfen Technologien und Datenanalysen dabei, ihre Ernährung individuell anzupassen. Das erwarten die Mintel-Analysten und rechnen damit, dass sogenannte Smart Diets in den kommenden Jahrzehnten zur Regel werden. Digitale Gadgets wie Fitness-Tracker oder Smartwatches machen eine individuell optimierte Ernährung möglich. Der Konsument von morgen werde daher zunehmend personalisierte Rezepte und individualisierte Ernährungspläne nutzen. Das Einkaufsverhalten wird durch die Auswertung personalisierter Daten bestimmt. Weiterentwickeln im Sinne des personalisierten Einkaufens werden sich auch E-Food-Angebote in den kommenden Jahren. In ihrer schlichten Form sind dies Online-Shops von Supermärkten. Durchaus vorstellbar ist, dass Algorithmen in den E-Food-Apps die Daten der Verbraucherinnen aus Smartwatches, Fitness-Trackern, Einkaufshistorien im Netz oder Social Media so auswerten, dass den Kunden nur die Produkte angezeigt werden, die zu ihrer körperlichen Verfassung und den sonstigen Konsumentscheidungen passen. Wer also auf gesunde Ernährung achtet und generell regionale Produkte kauft, bekommt in der E-Food-App seines Supermarktes künftig nur noch solche Erzeugnisse angezeigt. Das Nachsehen haben in diesem Szenario Anbieter von Lebensmitteln ohne nachhaltiges Profil.

Quelle: agrarzeitung von Stefanie Pionke