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Vorstellung mit Generalprobe

Vorstellungen gibt’s im Theater – und beim Bewerben. Eine Generalprobe senkt die Nervosität und erhöht die Chancen.

Reden lernt man durch reden.
Marcus Tullius Cicero

 

Würde ein Schauspieler die Bühne betreten, ehe er geprobt hat? Niemals! Würde ein Marathonläufer an den Start gehen, ohne trainiert zu haben? Keinesfalls! Wagt sich ein Bewerber ins Vorstellungsgespräch ohne dass er geübt hat? Klar doch! Wer einen Mund hat, um zu sprechen, scheint zu meinen: Mit dieser Grundausstattung lässt sich ein Vorstellungsgespräch bewältigen. Als flögen ihm die Worte von alleine zu.

 

Dabei ist ein Vorstellungsgespräch eine Stresssituation; es geht um die Wurst, um einen neuen Arbeitsplatz. Je stärker Sie einen Job wollen, desto höher ist Ihre Anspannung. Und genau da liegt das Problem! Die US-Psychologen Robert Yerkes und John D. Dodson haben schon 1908 nachgewiesen, dass Menschen auf mittlerem Anspannungsniveau am effektivsten handeln. Ist die Anspannung niedriger, etwa direkt nach dem Aufstehen, fällt ihnen wenig Gescheites ein. Und ist die Anspannung höher, etwa in einem Vorstellungsgespräch, fehlen ihnen oft die (richtigen) Worte. Wer kennt das nicht: Die besten Antworten fallen einem direkt nach einer Stresssituation ein – aber nicht in der Verhandlung, nicht im Streit, nicht im Vorstellungsgespräch.

 

Der einzige Weg, die Anspannung zu mindern: Üben Sie Ihr Vorstellungsgespräch! Denn Reden lernt man nur durch reden, wusste schon Cicero. Ein Freund kann den Firmenvertreter darstellen. Lassen Sie sich von ihm alle Fragen stellen, die Sie erwarten und (am meisten) fürchten. Spielen Sie das Gespräch im Detail durch. Mehrfach. Ich wette, Sie werden von Runde zu Runde besser. Und gewinnen mehr Sicherheit für Ihr reales Gespräch. Klar, angespannt werden Sie immer noch sein, aber nur noch auf mittlerem Niveau. Weil Sie das Gespräch im Rollenspiel trainiert haben, sind in Ihrem Gehirn neuronale Trampelpfade entstanden. Ihre Gedanken können den gebahnten Weg erneut einschlagen.

 

Ein Rollenspiel verhilft Ihnen auch zu stimmigeren Antworten. Sie können jedes Mal prüfen: Meine ich das, was ich sage? Oder kommt mir die Formulierung wie ein Fremdkörper über die Zunge (was oft bei Antworten aus Bewerbungsratgebern der Fall ist)? Wie man vor einem Spiegel seine Kleidung zurechtzupft, kann man sich in einem Rollenspiel seine Antworten zurechtzupfen, bis sie sitzen. Bis Sie nicht mehr eine Antwort geben – sondern Ihre! Wer sein Gespräch trainiert, wirkt nicht unecht, sondern authentisch. Das ist eine gute Voraussetzung, um einen Arbeitsplatz zu erobern, der perfekt zu Ihnen passt.

 

Martin Wehrle ist Erfolgsautor und „Deutschlands bekanntester Karriereberater“ (Focus). Gerade ist sein neuer Spiegel-Bestseller erschienen: „Der Klügere denkt nach – Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein“. An seiner Akademie bietet er eine Coaching-Ausbildung an und berät Menschen in Karrierefragen: www.karriereberater-akademie.de