You are here

Wann fällt auf, dass ich nichts kann?

Wenn Menschen die eigenen Erfolge nicht würdigen können, kann das Impostor- oder Hochstapler-Syndrom der Grund sein. Wie kann es bekämpft werden?
Veröffentlicht am 11.05.2020

Sie haben einen richtig guten Deal gemacht, zum Beispiel für die vergangene Erntesaison? Oder Sie haben einen deutlich höheren Preis für Mais erzielt als im Jahr zuvor? Reiner Zufall, dass die Käuferseite keine besseren Lieferanten gefunden hat! Die Milchleistung im Betrieb ist kräftig gestiegen? Glück gehabt!

So oder so ähnlich denken viele Menschen von ihren eigenen Leistungen. Sie trauen sich nicht zu, dass Erfolge im eigenen Handeln und Können begründet sind. Das Phänomen heißt Impostor- oder Hochstapler-Syndrom. So wird es seit Ende der 1970er Jahre in der Psychologie genannt, wenn Menschen im Übermaß an eigenen Fähigkeiten, Leistungen und Erfolgen zweifeln. In der Extremform halten sie sich selbst für Hochstapler und leben in der ständigen Angst vor einer Entdeckung. Auf Dauer führt das zu erheblichem inneren Druck, der sich dann auch tatsächlich auf die gezeigte Leistung auswirken kann – oder sich andere, ebenfalls schädliche Ventile sucht.

50 Prozent der Führungskräfte sind von störenden Selbstzweifeln betroffen

Über das Impostor-Syndrom haben zuerst 1978 die Psychologinnen Pauline R. Clance und Suzanne A. Imes von der US-amerikanischen Georgia State University in einem Artikel berichtet. Sie beschrieben das Phänomen bei überdurchschnittlich erfolgreichen Frauen. Aus weiteren Untersuchungen weiß man aber, dass es bei Frauen und Männern ungefähr gleich häufig auftritt. Zwischen 40 und 70 Prozent aller Menschen können davon betroffen sein. Die Psychologin Sonja Rohrmann hat bei Führungskräften eine Quote von 50 Prozent ermittelt.

Selbstzweifel kennen viele Menschen gelegentlich. Wenn diese nicht zu oft und massiv auftreten, muss daraus kein Problem entstehen. Im Gegenteil: Selbstzweifel können dabei helfen, Fehler zu vermeiden und sich selbst mal mit einem kritischen Blick zu betrachten. Wer vorankommen will, wird sich immer wieder auch um Aufgaben bemühen, die er oder sie noch nie gemacht hat, von denen wir aber annehmen, dass wir sie erfolgreich erledigen werden. Das ist normal und nützlich.

Der innere Druck erhöht die Wahrscheinlichkeit des echten Scheiterns

Menschen aber, bei denen das Impostor-Syndrom stark ausgeprägt ist, stufen sich selbst nicht deshalb als Hochstapler ein, weil sie etwas Neues versuchen, sondern sie würdigen ihre objektiv bereits erbrachte gute Leistung in der inneren Wahrnehmung herab. Sie laufen Gefahr, diese mit schädlichen Mitteln zu bekämpfen – ob Alkohol, Drogen oder Psychopharmaka. Oder sie setzen sich selbst dermaßen unter Druck, dass die Gefahr des realen Scheiterns zunimmt. Dabei ignorieren sie sogar messbare Beweise der eigenen Leistung.

Das erste deutschsprachige Sachbuch, das diese Form des Selbstzweifels in den Mittelpunkt rückt, hat Sabine Magnet 2018 veröffentlicht. Sie sagt, dass insbesondere ungewohnte Situationen das Impostor-Syndrom triggern können: der neue Job, als einziger Nicht-Akademiker ins obere Management aufrücken, einzige Frau auf der Konferenz oder Ähnliches. Es liegt auf der Hand, dass introvertierte, schwache oder ängstliche Persönlichkeiten eher dazu neigen als die Selbstdarsteller und „Rampensäue“. Laut Magnet mildert sich das Syndrom mit den Jahren, denn je länger man erfolgreich im Beruf ist, desto schwieriger ist es natürlich für die eigene Psyche, das nicht anzuerkennen.

Magnet berichtet von zwei Standard-Verhaltensweisen Betroffener: Die einen versuchen, ihr inneres Gefühl dadurch zu bekämpfen, dass sie immer mehr und mehr leisten. Die anderen verfallen ins Gegenteil. Dass dieser Ausweg weder für das Unternehmen noch für die eigene Karriere gut ist, liegt auf der Hand, allerdings führt auch die erste Verhaltensweise in der Regel nicht zu dauerhaft hochwertiger Arbeit.

Wenn Sie selbst also glauben, vom Impostor-Syndrom befallen zu sein – von außen lässt es sich kaum erkennen –, was können Sie tun?

• Erster und wichtigster Schritt ist es, das Phänomen zu erkennen und anzunehmen.

• Geben Sie sich eigene Maßstäbe und Kriterien für den Erfolg, statt sich ausschließlich nach externen zu richten.

• Ein Erfolgstagebuch kann sehr helfen, eigene Erfolge wahrzunehmen und im zweiten Schritt dann auch anzunehmen. Dieses sollte täglich geführt werden und auch kleine erledigte Aufgaben enthalten.

• Achten Sie darauf, Lob und Anerkennung anderer ohne Relativierung anzunehmen.

• Verbannen Sie Perfektionismus – niemand ist perfekt und alle machen Fehler. Ja, alle, Ihre Kolleginnen und Kollegen und die Vorgesetzten, auch die Top-Performer. Also auch Sie selbst. Fehler können korrigiert werden, und was beim ersten Versuch nicht klappt, das klappt beim zweiten oder dritten.

• Wenn Sie glauben oder merken, ohne externe Hilfe nicht von ihrem Impostor-Syndrom los- zukommen, muss es nicht gleich der Gang zum Psychotherapeuten sein. Auch ein gutes Coaching oder regelmäßige Gespräche mit Mentoren können dabei helfen, Selbstzweifel auf ein gesundes Maß zu reduzieren.